Letzthin kam ich erschöpft nach einem langen Tag nach Hause. Bevor ich die Haustüre hinter mir schloss, bemerkte ich meine Nachbarin beim Schnee schaufeln. Ich erinnerte mich daran, dass ihr Mann krank war. Ohne einen weiteren Gedanken an sie oder ihre Situation legte ich mich auf die Couch. Ich war müde. In Gedanken sah ich bereits, wie ich in einem heissen Bad eintauchte.

Dann erinnerte ich mich an die Nachbarin. Nächstenliebe war so ein Wort, das ich gern in den Mund nahm. An jenem Abend nahm ich mir vor, bei mir selbst zu beginnen. Es war einfach, für seine Familie und Freunde da zu sein, die Nächstenliebe auf uns flüchtig bekannte oder gar Fremde auszuweiten, war schon schwieriger. Meistens fehlte mir dazu im vollgepackten Alltag die Zeit. Meistens blieb es beim guten Vorsatz. Ich gab mir einen Schubs, nahm meinen Mut zusammen.

Fremden eine Hand entgegenzustrecken, braucht auch Courage.

Der Nachbarin gab ich zu verstehen, dass ich sie wahrnahm, dass ich von ihrer schwierigen Situation wusste. Ich bot ihr ein offenes Ohr, eine Hand bei weiteren Schneeschaufelaktionen und meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie schätzte meinen Schritt sehr. Manchmal ist es einfach wohltuend, gesehen zu werden.

So schnell sind wir vom Alltag eingewickelt und mit uns und unserem Selbst absorbiert. Wir reagieren in scheinbar banalen Situationen angespannt und ungeduldig. Unsere Gesellschaft plädiert darauf, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Das ist gut so. Dabei geht es jedoch nicht darum, sein Ego zu finden, sondern in seiner Seele anzukommen. Denn aus der Seele hinaus, wird Nächstenliebe zur Selbstverständlichkeit.